Diskussionsgrundlage «Nutzung öffentlicher Raum»

Einleitung

So leer ist das Arboretum seltenSo leer ist das Arboretum seltenIn den letzten zwanzig, dreissig Jahren hat sich die Nutzung des öffentlichen Raumes in der Stadt Zürich grundlegend geändert. Die Zeiten als bei den Wiesen im Arboretum «Rasen betreten verboten» stand sind – zum Glück, und auch dank der 80er-Bewegung – längst vorbei. Es gibt mehr Anlässe auf öffentlichem Boden, die Öffnungszeiten von Bars und Restaurants wurden ausgedehnt, es gibt mehr Kinos und längere Spielzeiten, 24-Stunden-Shops, Strassencafés schiessen wie Pilze aus dem Boden und sind bei den Zürcherinnen und Zürchern sehr beliebt. Zürich ist nicht zuletzt durch diese Entwicklung viel lebensfroher geworden.
Dagegen häufen sich nun die Klagen: Das Seebecken sei übernutzt, Zürich verkomme zur Festhütte, das Niederdorf zum öffentlich Klo. Die SP Stadt Zürich nimmt diese Klagen ernst; gleichzeitig wollen wir aber nicht zurück in die Zeiten der Verbotsschilder und Verbote. Die Nutzung des öffentlichen Raumes ist eine Gratwanderung zwischen dem Ruhebedürfnis der einen und der Freizeit der anderen, wobei die Einen zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchaus auch die Anderen sein können.

Die SP hat keine Patentlösungen zum Umgang mit diesem Konflikt. Neue Verbote und Gesetze helfen aber sicher nicht. Vielmehr braucht es einen respektvollen Umgang, der auf einem ausgehandelten Wertekonsens basieren muss. Dazu gehören für die SP vor allem gegenseitiger Respekt sowie eine möglichst integrative Politik des öffentlichen Raumes, die keine Personen oder ganze Bevölkerungsgruppen ausgrenzt.

Abfallhaie

Der Raum Seebecken/HB/Niederdorf ist besonders gefragt, es finden viele Veranstaltungen in diesem Bereich statt, auch unter der Woche ist bis tief in die Nacht ordentlich was los auf den Strassen. Demgegenüber steht das Ruhebedürfnis der Anwohnerinnen und Anwohner, aber auch zunehmende Schwierigkeiten der Bevölkerung, das Seeufer jederzeit frei zu nutzen. Welche Veranstaltungen sollen zulässig sein in diesem Gebiet? Müssen vermehrt Veranstaltungen in andere Quartiere verlagert werden? Wie ist der Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes zu begegnen? Wie wird sichergestellt, dass das Seeufer jederzeit zugänglich ist, ohne dass irgendein Event sich einmietet und damit den öffentlichen Raum zum privaten macht? Wie können die Nutzenden dazu gebracht werden, dem wertvollen Grünräumen mehr Sorge zu tragen (Littering, Brandschäden)? Braucht es spezifische Angebote wie zB von der OJA (offene Jugendarbeit)?

  • Rund um Läden mit langen Öffnungszeiten (etwa Coop Pronto) etc. gibt es immer wieder Klagen wegen Ruhestörung und Abfall. Wie kann dem begegnet werden?
  • Flexiblere Arbeitszeiten, attraktivere Freizeitangebote und höhere Mobilität führen in Richtung «24-Stunden-Gesellschaft». Dadurch werden von allen Dienstleistungsbetrieben (v.a. Detailhandel, aber auch Post, Banken, Kinderbetreuung) längere Öffnungszeiten gefordert. Wie ist damit umzugehen, damit auch die Arbeitsbedingungen für die Angestellten an
    diesen Orten akzeptabel bleiben?
  • Das gesellschaftliche Zusammenleben braucht gewisse Regeln. In der Nutzung des öffentlichen Raumes und im Gastgewerbe hat die Stadt einen relativ grossen Spielraum. Wer aber soll die Regeln wie festlegen? Wie können sie vermittelt werden, ohne dass sie einengend und unnötig restriktiv wirken? Und was geschieht, wenn die Regeln verletzt werden?
  • Wir wollen nicht alles bis ins Detail regulieren, und wenn alle mit gesundem Menschenverstand handeln braucht es dies auch nicht. Es sind immer wieder Einzelne, die jedes Mass sprengen und keine Rücksicht auf andere nehmen, seien es lärmende Nachtschwärmer, trottoirblockierende Restaurantbetreiber, oder Menschen, die nicht wissen, wozu öffentliche WC-Anlagen da sind. Mit welchen Lösungen können wir es schaffen, Einzelne gezielt in Schranken zu verweisen, ohne durch generelle Verbote die Mehrheit unnötig einzuschränken?

Wir wollen die Diskussion führen, online, wie auch offline. Im ersten Schritt fordern wir Sie auf, ihre Ideen, Vorschläge und Meinungen hier als Kommentar zu hinterlassen.

bar & platz

Im Vergleich mit anderen grossen europäischen Städten ist Zürich
relativ dünn besiedelt. Es mangelt daher an der "Kompetenz" im Umgang
mit Strassen und Plätzen – auch ein Erbe der restriktiven,
konservativen bürgerlichen Ära bis Anfang 90er. Zuerst einmal muss der
öffentliche Raum besetzt werden von den Anwohnern, mit mehr Läden,
Cafés etc. An einigen Orten (Kreis 5 um Langstrasse, Idaplatz etc.)
funktioniert das schon ordentlich, in den meisten Quartieren aber
nicht. Wer geht schon abends noch einen kleinen Apéro nehmen in der
(meist leider gar nicht existenten) Bar um die Ecke?

Dünn besiedelt? Wenn schon:

Dünn besiedelt? Wenn schon: verhältnismässig klein. Das Problem ist ja, das wir kaum Plätze haben, und schon gar keine Boulevards... so kann auch keine Kompetenz entstehen. Dazu kommt, dass die Verlagerung von Lebensraum nach draussen eine relativ neue Entwicklung ist. Die "Mediterranisierung" von Zürich findet noch nicht so lange statt... da brauchts Gewöhnungszeit. Vorschlag: Die SP soll im Winter ein Glühweinbotellón veranstalten und dazu die Bevölkerung einladen, um über die Nutzung des öffentlichen Raums zu diskutieren.

Keine Bar in der Gartenstadt

Doch, es geht um die Dichte. Das "Kleingewerbe" (Bars, Läden etc.) braucht eine gewisse Anzahl Menschen zum Überleben. In der eher dünn besiedelten Gartenstadt Zürich Nord ist die "kritische Anzahl" auf einem zu grossen Raum verteilt, um das Gewerbe noch attraktiv zu machen – wer will schon 1 km laufen zur Bäckerei? Da kann man gleich zum Coop gehen. Das wo es in Zürich noch diese kleinen Läden gibt (eben Idaplatz oder so) ist da, wo die Dichte genug gross ist. Klar, Dichte allein macht den Braten noch nicht feiss; es ist aber Voraussetzung.

Littering: gescheitertes Erziehungsexperiment der Stadt Zürich

Lärm und Littering sind meiner Meinung nach die grössten Probleme bei der Nutzung vom öffentlichen Raum. Ich möchte hier mal nur auf Letzteres eingehen.
Die Plakataktion mit den Bildern eines Wohnzimmers voll von Abfall mit dem Hinweis, dass man das ja in seiner Stube nicht will, also soll man auch dem öffentlichen Raum so viel Sorge tragen wie der eigenen Stube, fand ich gar nicht schlecht. Doch ob sie gewirkt hat?
Ich bezweifle es, denn „Erziehung für das öffentliche Wohl“ funktioniert meistens nicht, erst recht nicht mehr bei Erwachsenen. Die Stadt Zürich hat’s ja mal mit der Erziehung versucht: Sie stellte am See entlang nur noch Abfallbehälter mit ganz kleinen Öffnungen und wenig Volumen hin, in der Hoffnung, die Leute nähmen dann allen Abfall, der nicht mehr Platz hat, wieder mit nach Hause. Dieses Erziehungsexperiment misslang gründlich: Noch mehr Abfall lag herum! Später hat die Stadt ganz grosse Körbe aufgestellt, in die man  problemlos alle diese grossen Fastfood-Gebinde entsorgen kann. Anscheinend konnte die Situation damit wieder etwas entschärft werden.
Leider musste ich aber vor ein paar Monaten lesen, dass die SBB (oder der ZVV?) eine neue Generation S-Bahnzüge anschaffen will, die nur ganz wenige Abfallbehälter eingebaut haben sollen. Ein Schritt in die total verkehrte Richtung, meiner Meinung nach! So wird in diesen Zügen noch mehr Abfall herumliegen. Schade, dass diese Experimente wiederholt werden müssen.
Ein bisschen Erziehung wäre allerdings bei unseren Kindern und Jugendlichen diesbezüglich schon angebracht, auch wenn das jetzt bieder klingt. Denn ich fand es schon etwas schockierend, als ich letztes Jahr eine Schulreise von 6.-KlässlerInnen begleitete und diese 12-13Jährigen mich ganz erstaunt fragten, warum man denn nach dem Picknick seinen Abfall wieder einpacken müsse, es gäbe doch diese „orangen Männer“, die das machten...

Kommerzialisierung des öffentlichen Raums

Meines Erachtens ist, neben all den durchaus positiven Seiten, die
die Liberalisierung des Gastgewerbes und die Abkehr von der
restriktiven Schlafstadtpolitik der 1970er und 1980er Jahre,
unbestritten hat, eines der zentralen Probleme die zunehmende
kommerzielle Nutzung des öffentlichen Raumes. So toll ja die
"Mediterranisierung" Zürichs mit Stühlen, Tischen, Palmen, Dekolampen
und dergleichen mehr für die einen sein mag, so kann doch nicht
bestritten werden, dass zunehmend mehr Platz von den Beizen und Cafés
benutzt wird. Am auffallendsten ist es zwischen Stadelhofen und
Bellevue, wo es für Fussgänger teilweise kaum mehr Platz hat!

Obwohl
ich sicher bin, dass die Stadt diesen Raum mit Auflagen versehen wird,
bleibt doch unklar, ob sich diese Vermietung, neben einigen
Mieteinnahmen, am Schluss wirklich lohnt: Einerseits kann bei dieser
sprichwörtlichen Angst vor leerem Raum ein sinnvoller Umgang mit dem
Platz durch die Bevölkerung kaum erlernt werden und andererseits wird
die Botschaft transportiert, dass die Bevölkerung selber nicht
zuständig ist für den Raum, sondern dass dieser sicher stets jemandem
gehört. Da warten also alle auf die "orangen Männer", die dann
aufräumen, weil kaum jemandem (mehr?) bewusst ist, dass der
öffentlichen Raum allen ZürcherInnen zusteht und sie damit sorgsam und
eigenverantwortlich umgehen sollten.

PS: Als Illustration für das
Geschilderte möge das Xenix dienen - seit sich die, eigentlich tolle,
Bar zunehmend ausbreitet, ist auch der ganze öffentliche Kiesplatz
zunehmend vermüllt - alle denken, zu Recht oder nicht, dass das Xenix
ja aufräumen kann!

Keine Kommerzialisierungs-Keule, Koni!

Das Schlagwort mit der "Kommerzialisierung" wird zu häufig und eher undifferenziert verwendet. Natürlich ist es eine Kommerzialisierung, wenn ein Café das Trottoir besetzt. Aber der Nutzen für die Allgemeinheit wiegt den verkleinerten Platz meist auf (gut, an gewissen Orten nicht zwingend, wie Bellevue), zudem werden ja die wenigsten Cafébesitzer zu Millionären. Ein Café ist daher m.E. eher eine intensivere Form von öffentlicher Nutzung des Bodens, und das ist durchaus richtig. Der Cafébesitzer ist nicht einfach "der böse Dienstleister der den öffentlichen Raum kommerzialisiert" sondern Teil der Gesellschaft auf dem gleichen Level wie die Cafébesucher. Wenn man ihn als solchen sieht wird man auch eher selber aufräumen; zu einem Kumpel ist man netter als zu einem Dienstleistungsangestellten. So muss mit der intensiveren Nutzung muss auch die Verantwortung aller für den Raum da sein, Müll rumliegen lassen geht natürlich nicht.

Welcome to reality, Emanuel!

Klar ist der Cafébesitzer nicht einfach der "böse Dienstleister" aber er ist natürlich auch keineswegs der "Kumpel", der sich "auf dem gleichen Level" wie die Caféhausbenutzer befindet - jedenfalls kann dies bespielsweise vom (neuen) Starbucks im Orell Füssli beim Bellevue wohl niemand ernsthaft behaupten! Gewisse Personen, oder eben auch Konzerne, verdienen gut und werden sehr wohl zu Millionären - auch wenn sie noch so trendige urbane Bars eröffnen. Ich bin der Meinung, dass sie sich grösstenteils zu wenig um die Folgen ihres Ausbreitens in den öffentlichen Raum kümmern und ihre Verantwortung nicht wahrnehmen.

Es geht hier nicht darum, dass Publikum simpel aus der Verantwortung zu entlassen, aber an gewissen Orten ist es echt schwierig für die Gäste zu merken, ob sie noch in der Bar sind oder nicht. So kommt es dann zu Müll und Lärm, der eben grad nicht "selber aufgeräumt" wird. Den Umsatz jedenfalls hat der Beizer, der Zürich ach so schön umgestaltet und "weltoffen" macht - das Nachsehen haben die Anwohner und die Stadtbevölkerung, die sich dazu aber nie öffentlich äussern konnten.

Bei der "Kommerzialisierungs-Debatte" handelt es sich mitnichten um eine "Keule", sie fragt simpel danach, wer in unserer Stadt wovon wieviel profitiert und ob dies demokratisch legitimiert ist (was eben häufig kaum der Fall ist). Die Debatte um Kommerzialisierung kann zudem vor eher etwas naiven Ansichten von "geteilten Interessen" von Anbietern und Nutzern schützen, die vor lauter spassigem Barbetrieb und Begeisterung die Probleme "kumpelhaft" lösen möchten und dabei die Realität verkennen ;-)

der naive Kumpel...

na gut, dann bin ich halt der naive Kumpel von nebenan... Ich bin dagegen den Nützern des öffentlichen Raumes mit grundsätzlichem Misstrauen zu begegnen und von einer (in der Tat nicht wünschenswerten) Kommerzialisierung auszugehen. Und in den meisten Fällen geht es nicht unbedingt um spassigen Barbetrieb mit Lärm etc. sondern um Kleinbetriebe die sozusagen organisch zum Quartier gehören (müssen).

Es sollte auch Grenzen geben, was denn geht

Ich finde die Strassen-Beizen auch eine Bereicherung, aber nur, solange sie die Nutzung des Trottoirs zum gehen nicht behindern. An gewissen Orten sind die Tische links und rechts am Gehsteig angeordnet, dazwischen ein schmaler Gang und ein Kellner, der einen böse anschaut, wenn man den Gang nutzen will. "Hier ist mein Revier" besagt der böse Blick. In der Praxis muss man dann auf die Fahrbahn ausweichen. Beispiel: Der Sprüngli am Paradeplatz füllt den ganzen Bereich bis fast an das Tramtrassée mit Tischen auf und stellt öfter mal seinen Lieferwagen so hin, dass in dem Bereich kein Durchkommen mehr ist. Meiner Meinung nach sollte die Stadt den Boden zur Verfügung stellen für Strassenbeizen, wenn der Platz vorhanden ist, dass man bequem auch mit Kinderwagen oder Rollstuhl vorbeikommt und erst noch - welch Luxus - auch jemanden kreuzen kann.

Wenn das Niederdorf zum öffentlichen Klo wird...

... hat das mit den relativ spährlich gestreuten und ausserdem extrem teuren öffentlichen Züri-WCs zu tun. Das Wasser-lassen muss in der ganzen Stadt gratis sein! Isbesondere die Diskriminierung der Frauen, die bei gewissen öffentlichen WCs mehr zahlen müssen (als wären wir es, die neben die Brille pinkeln...) ist mehr als stossend. Für mehr öffentliche Züri-WCs, die allen gratis zur Verfügung stehen!

Und wenn wir von Lärm reden, dann müssen wir uns auch mal die Kirchenglocken vornhemen. In Zürich läuten die Glocken JEDE Viertelstunde, die GANZE Nacht hindurch, pro Viertelstunde zwei Mal und bei voller Stunde noch die Anzahl Stunden hinzu. Auch das ist an vielen Orten in Zürich schlafraubend. Mir ist unverständlich, wieso sich Jugendliche, Bars, Konzerte und eigentlich alles andere an Nachruhe halten muss, nur die Kirchglocken nicht. Dieser Misstand muss behoben werden!

Was Zürich braucht

In Realisierungsphase:
Ennio Cadau - Gratis W-Lan - unterstützt von Claudia Nielsen
Pascal Welti - Time Piece auf Hardbrücke - unterstützt von André Odermatt
Raffael Jacomella - Grundeinkommen für alle - unterstützt von Martin Waser
Signe Prince Fleischmann - ÖV gratis, sofort - unterstützt von Corine Mauch

 

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